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Amsterdam zu Fuß – Ein Spaziergang voller Kontraste


Entlang der Singel-Gracht


Nach dem Essen gehen wir in die Nieuwendijk. Die Fußgängerzone Nieuwendijk ist eine der bekanntesten Einkaufsstraßen Amsterdams. Menschen, Menschen, Menschen. Hier reiht sich ein Geschäft an das nächste: kleine Souvenirläden, Modegeschäfte, Snackbars, Bäckereien und viele andere Läden. Zwischen Touristen und Einheimischen herrscht ein buntes Treiben. Wer einfach nur bummeln und das lebhafte Amsterdam erleben möchte, ist hier genau richtig. In einem Souvenirladen kauft Susanne für unseren Sohn einen Kühlschrankmagneten in Form eines Fahrrads. Der Preis, ich glaube es waren gerade mal 2 €, hat uns umgehauen, das war ja gerade mal so viel (so wenig) wie die Briefmarke für die Postkarte.

Nieuwendijk, Singel & Kontraste der Stadt


Am Ende der Straße – es ist inzwischen viertel sechs – gehen wir links, den Singel runter. Wäre da nach 100 Metern nicht das große schwarze Schild mit dem riesigen R und der Aufschrift „Renaissance Amsterdam Hotel – Koepelkerk Event Centre“, hätten wir die Ronde Lutherse Kerk glatt übersehen. Dabei sind wir erst eineinhalb Stunden vorher mit dem Grachtenboot hier vorbeigefahren und haben vom Wasser aus ihre markante Kuppel bewundert. So ist es eben alles eine Frage der Perspektive. Was vom Wasser aus sofort ins Auge fällt, geht zwischen Häusern und Straßenschildern einfach unter.

Am Singel-Hotel fragen wir uns unweigerlich, ob das vielleicht ein Hotel für Singles auf der Suche nach der großen Liebe ist. Ein perfekter Ort für ein erstes Date – und wer weiß, vielleicht sogar für die ewige Liebe? Das wäre aber zu romantisch gewesen. In Wirklichkeit hat der Name was mit der Gracht „Singel“ zu tun, die am Haus vorbeifließt. Trotzdem sorgt das kleine Wortspiel für einen heiteren Moment.

Das Singel Hotel Amsterdam ist ein charmantes Drei-Sterne-Hotel. Die Zimmer sollen zwar nicht besonders groß sein, aber aufgrund der zentralen Lage und der Nähe zum Central-Bahnhof sei man hier gut aufgehoben. Wir bleiben nicht lange am Singel (es heißt tatsächlich der Singel, nicht die Singel), zieht eine schmale Gasse links sofort unsere Blicke auf sich. Sie wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, fast versteckt zwischen den größeren Straßen, aber genau das macht sie so interessant.

Die Atmosphäre ändert sich sofort: weniger Trubel, mehr Intimität und alte Fassaden dicht an dicht. Besonders auffällig sind die unzähligen Fahrräder, die überall entlang der Hauswände, Geländer und sogar scheinbar zufälligen Ecken abgestellt sind – ein typisch holländisches Chaos, das trotzdem irgendwie funktioniert. Nach 50 Metern, mehr ist es nicht, ragt links die riesige Backsteinfassade der Dominicuskerk empor, so nah, dass man sie nicht mal mit dem 10mm-Objektiv richtig aufs Bild kriegt. Das ist irgendwie ärgerlich und wird dem Architekten (es ist übrigens Pierre Cuypers, der Gleiche wie auch vom Rijksmuseum und dem Hauptbahnhof) einfach nicht gerecht.

Ich bin etwas irritiert, als zwei Dutzend Schritte zurück an der Ecke Oude Nieuwstraat / Korte Korsjespoortsteeg eine halbnackte Schaufensterpuppe völlig unvermittelt den Blick der Passanten auf sich zieht. Ich denke sofort an Beate Uhse oder Orion. Angesichts der unmittelbaren Nähe zu einer römisch-katholischen Kirche wirkt so ein Sex-Shop für mich schon etwas deplatziert und befremdlich. Man hätte der Puppe zumindest etwas überstülpen oder während neu dekoriert wird das Fenster mit einem „Wir dekorieren“-Hinweis abhängen können. „Das ist keine Puppe“, meint Susanne trocken. Da wird mir der Charakter der Amsterdamer Innenstadt plötzlich sehr deutlich. Der Kontrast zwischen der ehrwürdigen Kirche und dieser direkten, offenen Form der Sexarbeit wirkte auf mich überraschend und zugleich sehr typisch für Amsterdam, wo unterschiedliche Lebenswelten oft nur wenige Schritte voneinander entfernt sind.

Nicht verwechseln

Wir gehen wieder zurück und dann links weiter an der Gracht entlang. Das grüne Fahrrad steht vor Singel 63. Das rosa auf der Blauwbrugwal-Brücke (nicht zu verwechseln mit der Blauwbrug) nahe dem Hotel The Craftsmen an der Ecke Singel / Lijnbaanssteeg.

Die beiden Brücken sollte man tatsächlich nicht verwechseln – auch wenn die Namen ähnlich klingen. Die Blauwbrug ist die große, auffällige Steinbrücke über die Amstel, direkt im Zentrum von Amsterdam, zwischen Waterlooplein und Rembrandtplein. Die Blauwbrugwal-Brücke dagegen ist nur eine kleine Brücke über den Singel. Das Hotel The Craftsman (zu deutsch: Der Handwerker) ist ein typisch Amsterdamer Boutiquehotel, in dem alle 14 Zimmer individuell gestaltet und jeweils einem historischen Handwerk gewidmet sind – kein Zimmer gleicht also dem anderen. Sowohl im Singel als auch im Craftsman legt man pro Nacht für ein Doppelzimmer locker 300 bis 400 € hin. Da stellt sich mir die Frage nach „Mit oder ohne Frühstück?“ chon gar nicht mehr.

Singel 91 bis 95 ist eigentlich nichts Besonderes. Ich hab‘s nur fotografiert, weil mir – und besonders Susanne – die kleinen Anpflanzungen vor den Häusern und die abgestellten Fahrräder ins Auge fallen. Solche Details sind für mich fast noch „amsterdamerischer“ als die großen Sehenswürdigkeiten. Singel 145 ist ein klassisches Amsterdamer Grachtenhaus. Ich hab‘ mir die Hausnummer nur gemerkt, weil dort eine niederländische Fahne hing und ich dachte, das Gebäude sei insofern irgendwie wichtig, scheint aber nicht so zu sein.

Rückweg zum Bahnhof


Wir gehen am Singel weiter runter bis zum Torensteeg und marschieren dort links bis zur Spuistraat, das ist die Hauptstraße mit den Straßenbahnschienen, die nordwärts wieder zum Amsterdamer Central-Bahnhof führt.

Hier reihen sich die Coffeeshops aneinander wie Perlen an einer Schnur: Big Shots (touristisch orientiert), The Plug (Szene-Shop), Resin (Design, Qualität) u.v.a. Durch die Anhäufung dieser Shops wirkt die Straße weniger wie eine normale Einkaufsstraße, sondern eher wie ein klar erkennbarer Abschnitt einer Stadt, in dem sich ein bestimmtes Angebot konzentriert – mitten im normalen Stadtleben. Frag jetzt aber mal nach einem Ouzo oder Jägermeister, dann erntest du nur Kopfschütteln … Alkohol gibt es hier nämlich nicht.


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